30. September 2007 Feist

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30. September 2007 Feist
Ort Admiralspalast
Veranstalter FKP Scorpio
Bands/Künstler
Feist

Anmerkungen von "Sydowski"

Konzertbericht (FAZ, 2. Oktober 2007)

Feist in Berlin - Wenn Mischer träumen

Von Christina Hoffmann

Eine karminrote Weste über einem dottergelben Hemd, dazu eine schillernde grüne Krawatte, eine beige Cargohose und ein sandfarbener Borsalino-Hut. Wie in den Farbtopf gefallen sieht Bob Wiseman aus. Der Kanadier jault „Dear Woman“, sein Heulen würde jedem liebeskranken Wolf Konkurrenz machen. Vom Balkon links der Bühne spielt ein Trompeter auf, den Bläser beleuchtet ein fahler Lichtkegel. Feist und ihr Landsmann spielen im Berliner Admiralspalast, das 1911 als „weltstädtisches Etablissement“ gegründet und später zum „Welt-Varieté“ umgebaut wurde.

Heute tritt Wiseman im Vorprogramm als Vaudeville-Wiedergänger auf. Höhepunkt seiner Show sind selbstgemachte Stummfilme, zu denen er schräge Musik spielt: Wiseman begleitet etwa am Schifferklavier Höhlenmenschen, die auf der Flucht vor einem Riesenleguan sind und irgendwie gleichzeitig auf dem Weg zum Feist-Konzert, wie die Zwischentitel mit charmant falschem Deutsch erklären.

Nachdem Bob Wiseman Geister heraufbeschwor, zieht Leslie Feist das Publikum in die Welt ihrer Träume. Ganz allein steht sie auf der Bühne, ein Scheinwerfer von oben beleuchtet sie wie der Vollmond, als sei sie aus einem Paralleluniversum hergebeamt worden. Der Mischer träumt anscheinend auch noch: Ihr Mikrophon ist so laut eingestellt, dass die Ohren von den Rückkopplungen schmerzen, wenn Feists Stimme und Gitarre in hohen Gefilden turnen. Auf einmal lässt Feist ihr Instrument vor sich baumeln, spielt stattdessen passend zum rockigen Sound lieber Luftgitarre und ihrem Publikum einen Streich. Die Gitarrenmusik geht weiter.

Zauberei? Oder treibt Feist Schabernack? Auch ihre Stimme, eben noch in ein zweites Mikrophon gehaucht, webt auf einmal einen Klangteppich, viele Feist-Sirenen locken im Hintergrund. Mehrere Musik- und Wirklichkeitsschichten lagern sich aufeinander. Dazu spielt die Lichtshow mit Schatten und Komplementärfarben, taucht bald den Hintergrund in Türkis, Feist in Pink, dann die ganze Szene in Blutrot. Die Sängerin gurrt, kiekst und lautmalert zur radiotauglichem Jazz. Wäre Norah Jones cooler und verschrobener, sie klänge wohl so.

In „Honey-Honey“ von ihrem neuen Album „The Reminder“ fragt Feist, waidwund, ob ihr Angebeteter zurückkomme. Ein Halbkreis aus Instrumenten steht immer noch verwaist um sie herum. Das Publikum lauscht andächtig in den roten Theatersesseln, so still, dass Feist, wie um sich selbst zu vergewissern, dass sie ein Konzert gibt, fragt: „Es sind Menschen in diesem Raum, ja?“ Tief in der Realität scheint Feist nicht verwurzelt zu sein. Ihre Abgehobenheit erfrischt ihr Sinn für abseitigen Humor. Bei aller Zartheit ist sie kein kleines Mädchen mehr. Statt in einem rosaroten Märchenprinzessinnenschloss wohnte sie in Berlin schon mit der Electroclash-Schockerin Peaches zusammen und leckte mit ihr auf der Bühne Dildos ab. Weitere Spielgefährten waren Chili Gonzales, die kanadische Supergroup „Broken Social Scene“ oder die norwegischen Gitarrenminimalisten von „Kings of Convenience“.

Auch auf der Bühne steht sie bald nicht mehr allein, eine Handvoll Musiker, darunter Gonzales mit weißen Pianistenhandschuhen, begleitet sie an Schlagzeug, Trommel, Bassgitarre, Klavier, diversen Blasinstrumenten. Dazu zwitschern Vöglein und plingen Glasperlen. Aber der Musikalienladen klingt keinesfalls überladen. Wie die Etikette gebührt, lassen die Herren der schmalen Feist stets die Oberhand. Egal, ob sie die ersten Takte von „Brandy Alexander“ summt, eine Hommage an Randy Newman, oder den süßen Abzählreim „1 2 3 - 1 2 3 4“, den der Computerhersteller Apple für einen Werbespot gekauft hat. Ein junger Mann kommt auf die Bühne gehuscht, zieht Feist Stulpen voller silberner Pailletten über die Arme, sie funkelt mit der Diskokugel um die Wette, die dreht sich schnell, wirft ein türkisschimmerndes Schneegestöber in den Admiralspalast. „Danke und gute Nacht“, verabschiedet sich Feist. Nur süße Träume zu wünschen vergisst sie, aber die wird wohl ohnehin jeder haben.

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