14. Februar 2020 The Strokes, Gurr

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14. Februar 2020 The Strokes, Gurr
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Ort Columbiahalle
Uhrzeit 20.00 Uhr
Eintrittspreis 47,50 - 49,50 € AK
Veranstalter Trinity Music GmbH
Bands/Künstler
The Strokes
Vorband: Gurr
Setlist
The Strokes
Gurr

Das in 2020 einzige Deutschlandkonzert der Strokes war ausverkauft.

Berichte

Bericht von Michael C. Lücke auf rbb24 vom 15. Februar 2020

Die Rückkehr der Heilsbringer

Sieben Jahre lang war von The Strokes nichts zu hören. Nun hat sich die Band mit neuen Songs zurückgemeldet. In der Berliner Columbiahalle werden die fünf Jungs frenetisch gefeiert - trotz oder gerade wegen einiger schräger Zwischentöne.

The Strokes spielten gerade einmal etwas länger als eine Stunde. Und doch gingen die allermeisten der über 3.000 Fans eher schweißnass denn erbost sowie mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach Hause. "Endlich einmal die Lieblingsband gesehen", so lautete der einhellige Tenor der überglücklichen Strokes-Fans.

Jahre hatten viele auf dieses Ereignis gewartet. Aus ganz Europa sind sie gekommen. Teilweise haben sie hohe Schwarzmarktpreise gezahlt, um beim ersten Deutschlandkonzert der Band nach zehn Jahren Abstinenz dabei zu sein. Das letzte Berlin-Konzert liegt sogar 14 Jahre zurück.

Die letzten Rock'n'Roller, die gut für einen Hype sind

2001 veröffentlichte die New Yorker Band mit "Is This It" ihr Debüt-Album und wurde dafür weltweit als die Rettung des Rock'n'Roll gefeiert. Der Hype kannte keine Grenzen. Britische Musikmagazine hievten The Strokes auf ihre Titelblätter, bevor irgendwer überhaupt ein Lied von den fünf dünnen Wunderknaben gehört hatte. Viele fühlten sich von der Band um Sänger Julian Casablancas an Velvet Underground erinnert oder die seligen Punk-Tage im legendären Club "CBGB's". Den immensen Erwartungen von Kritikern und Fans konnten The Strokes mit vier großartigen Alben über ein Jahrzehnt lang entsprechen. 2013 erschien mit "Comedown Machine" das fünfte. Ein Titel, der kurz darauf zum Programm der Band zu werden schien, als sie eine Pause ankündigte.

Auf ein Neues

Dass die Strokes sich noch einmal finden würden, schien viele Jahre eher unwahrscheinlich. Einige Bandmitglieder veröffentlichten Soloplatten - etwa Gitarrist Albert Hammond Junior, dessen gleichnamiger Vater in den Siebzigern "It Never Rains in Southern California" sang, oder Sänger Julian Casablancas, der gar eine neue Band gegründet hatte. Vergangenes Jahr wurde mit "The Adults Are Talking" plötzlich ein neuer Song veröffentlicht - dem allerdings lange nichts folgte. Vor nicht einmal zwei Wochen kündigte die Band auf Twitter an, dass sie in Berlin spielen wird. Innerhalb weniger Minuten waren die Tickets ausverkauft.

Ebenso überraschend war der Auftritt im Wahlkampf des US-Demokraten Bernie Sanders vergangenen Montag in New Hampshire. Dabei wurden zwei neue Songs vorgestellt, "Bad Decisions" und "Ode To The Mets". Außerdem kündigten die Strokes für den 10. April ein neues Studioalbum an, welches "The New Abnormal" heißen wird.

Frenetisches Publikum, coole Band Neben zwei der neuen Songs bekommen die Fans in der Berliner Columbiahalle am Freitag vor allem die großen Hits zu hören, etwa "The Modern Age" und "Last Nite" sowie "Juicebox" und "Someday" als Zugaben. Bereits beim dritten Song des Abends, "New York City Cops", tobt die Halle.

Sowohl vor der Bühne als auch auf den Rängen tanzen alle, soweit die Enge es zulässt. Hautkontakt zur hüpfenden Nachbarin ist unvermeidlich. Schweißgeruch macht sich breit. Doch die Stimmung ist einmalig. Das Publikum singt mit und applaudiert frenetisch. Alle, die an diesem Abend dabei sind, scheinen überglücklich zu sein. Dabei ist die euphorische Stimmung im Publikum wesentlich explosiver als auf der Bühne, wo The Strokes mit gewohnter Coolness spielen.

"Prügelt mir die Scheiße aus dem Leib!"

Die Gitarristen haben sich noch nie viel bewegt. Einen Schritt vor, zwei zurück und nochmal umgekehrt. Mehr ist nicht und mehr braucht es eigentlich auch nicht. Denn da ist ja noch Frontmann Julian Casablancas, der für die Action zuständig ist. Wobei er zuweilen nicht zu wissen scheint, wohin mit sich. Wenn er nicht in meist gebückter Haltung singt, läuft er auf der Bühne hin und her, gerade so, als sei er auf der Suche nach einer Beschäftigung.

Manchmal stolpert Casablancas auch nur durch die Gegend; streitet sich mit seinem Mikrophon-Ständer, den er mal erbost zur Seite kickt; um selbigen dann mit einer Entschuldigung und dem Bekenntnis, dass er ihn doch wieder lieb habe, wieder aufzurichten. Casablancas ist noch immer ein großartiger Sänger - wenn er das will. Manchmal schreit er jedoch. Leider tut er das ausgerechnet in Momenten, die eigentlich packend oder ergreifend sein sollten. An solchen Stellen wäre Coolness angebracht.

Vier der fünf Bandmitglieder sind nach wie vor die dünnen Heringe aus dem Jahr 2001. Nur der Sänger nicht. Er ist arg rundlich geworden. Im Gegensatz zur lockeren Kleidung der übrigen Bandmitglieder trägt Casablancas eine schwere Lederjacke. The Strokes rocken vorzugsweise im Halbdunkel, ein Scheinwerfer ist nicht auf den Sänger gerichtet. Vorzugsweise wird die Bühne in blaues oder rotes Licht getaucht.

Hoffnungsträger eines geprügelten Genres

Statt großer Show macht der Frontmann lieber komische Ansagen. "Was ist denn los bei euch?", ruft er ins Publikum und nimmt die erste Reihe aufs Korn. "Hast du offene Schnürsenkel? Oder liegt da jemand tot zu deinen Füßen?"

Gegen Ende des einstündigen Konzerts sorgt Casablancas aber doch noch für ein Spektakel. Singend marschiert er an der ersten Reihe vorbei, von links nach rechts und nochmal zurück, dann geht er direkt rein ins Publikum. Die Menge johlt als er sie auffordert ihm weh zu tun. "Ernsthaft. Ich will, dass ihr mir die Scheiße aus dem Leib prügelt", ruft er. Macht dann aber keiner. Warum auch, es sind ja alle begeistert. Auch keiner von den vielen unter 30-Jährigen, die etwa die Hälfte des Publikums ausmachen. Da sage noch einer, dass die jungen Leute keine Gitarrenmusik zu schätzen wissen.

Zum Triumph gerät am Freitagabend, was die Gitarristen abliefern. Jedes Riff wird von den Fans lautstark abgefeiert. Am Ende wird deutlich: Wer, wenn nicht The Strokes hätte das Zeug dazu, dem Rock'n'Roll zur Wiederauferstehung zu verhelfen. Die Heilsbringer von vor 20 Jahren sind aktuell die Hoffnungsträger eines geprügelten Genres, Lichtgestalten des Rock'n'Roll.
(Zitatende)

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