26. April 1987 Erasure

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26. April 1987 Erasure
Ticket mit freundlicher Unterstützung Thaddeus Herrmann
Ticket mit freundlicher Unterstützung
Thaddeus Herrmann
Ort Metropol
Uhrzeit 20.00 Uhr
Eintrittspreis 22,- DM AK
18,- DM VVK + Geb.
Veranstalter Karsten Jahnke / Showcraft
Bands/Künstler
Erasure
Support I Start Counting
Setlist
Erasure

Erinnerungen

„Oh, Sometimes – the truth is harder than the pain inside“. Die Karriere von Erasure – Vince Clarke und Andy Bell – ist gut dokumentiert und noch lange nicht vorbei. 1987 jedoch, beim Berliner Gig des Duos, sah Thaddeus Herrmann eine Band im Vorprogramm, die ihn bis heute beschäftigt und umtreibt: I Start Counting.

Ich möchte gar nicht über Erasure schreiben. Die Band hatte ich bereits wenige Monate vorher gesehen – am 12. Dezember 1988, ebenfalls im Metropol am Nollendorfplatz. Natürlich interessierte ich mich dafür, was Vince Clarke (....) nach Depeche Mode, Yazoo und The Assembly mit seiner neuen Band und Sänger Andy Bell so vorhatte. Ihr erstes Album „Wonderland“ war im Sommer ’86 erschienen. Ich fand es ok, aber auch ein bisschen cheesy. Es interessierte sich auch kaum jemand für das Projekt. Zum Zeitpunkt des Gigs war „Sometimes“ als Single zwar schon veröffentlicht, in Deutschland aber noch nicht durchgestartet. So wäre es problemlos möglich gewesen, allen – wenigen, sehr wenigen – Gästen im Metropol persönlich die Hand zu schütteln. Hilfe, war das ein „intimer“ Abend.

Rund vier Monate später hatte sich das Blatt zum Positiven für die Band gewendet. „Sometimes“ lief rauf, runter, rauf, runter und nochmal rauf und runter. Und das Metropol war voll bis unter die Decke. Ich habe die Kapazität der Halle immer auf +- 2.000 geschätzt: Und die waren auch alle da. Das zweite Album „The Circus“ war erschienen, und Clarke und Bell konnten sogar zwei Background-Sänger mit auf Tour nehmen. Natürlich hatte die Performance mehr Bumms – das geht mit Menschen ja immer besser –, es gab mehr Songs: das Übliche halt.

Ich ging vor allem aus Verbundenheit hin. „The Circus“ gefiel mir richtig gut – es sollte aber auch die letzte LP von Erasure sein, mit der ich vollständig meinen Frieden machen konnte. Es war also Ende April. Die Osterferien waren vorbei. Die hatte Freund D, der mir später auch Dead Can Dance empfahl, in Brighton verbracht – in einer Sprachschule. Das war damals in Westberlin ein Ding: Ostern ging es nach Brighton. In Westdeutschland war das bestimmt nicht anders. Er kam zurück, berichtete, dass er das Erasure-Konzert gesehen hatte und hörte nicht auf, über die Vorband zu schwärmen: I Start Counting, die ebenfalls auf Mute veröffentlichten. Ich hatte von diesem Projekt bis dato noch rein gar nichts gehört. Besonders im Ohr war ihm ein Song geblieben: „Radio Norway“. Ein wunderbarer Synth-Pop-Song, wie er sagte: „Radio Norway, coming across the sea, Radio Norway, just for you and me“.

I Start Counting spielten auch im Vorprogramm in Berlin.

Ich hörte ganz genau zu, als David Baker und Simon Leonard auf die Bühne kamen – denn ich hatte zu dieser Zeit bereits damit begonnen, alles auf diesem Label aufzusaugen, was mir unterkam. Jeder ihrer (raren) Gigs begann gleich: „We are I Start Counting … 1, 2, 3, 4“, sagte David ins Mikro und los ging’s. Eine Mischung aus unfassbar catchy Pop-Songs, gepaart mit mir damals merkwürdig scheinenden Dance-Tracks und kratzbürstigen Entwürfen, die in keine Schublade passten. Die beiden Musiker haben einige der meiner Meinung nach besten Popsongs überhaupt geschrieben: „Letters To A Friend“, „Still Smiling“, „Only After Dark“ oder auch „Catch That Look“. Und dann war eben auch „Radio Norway“.

Der Band war eine bescheidene Karriere vergönnt. Ein Mini-Album („My Translucent Hands“), ein echtes Album („Fused“) und eine Hand voll Singles entließen sie in die Welt – darunter das fantastische „Lose Him“, das die Tradition von Italo Disco in die damalige Jetztzeit rettete. Irgendwann war dann Schluss. Mir liegen I Start Counting noch heute am Herzen – wie kaum eine andere Band.

Wenig später traf ich Simon und David dann in London – zusammen mit Freund H. Warum? Keine Ahnung. Wir saßen bei Mute im Büro und die beiden Musiker kamen reichlich zu spät. Simon erzählte, wie er einen schlimmen Motorradunfall hatte – und mit dem Geld der Versicherung Equipment kaufen konnte: So wurde die Band geboren. Es wurden Zigarren geraucht. Ich machte (heute leider unauffindbare) Fotos. I Start Counting versendete sich irgendwann. Ich kaufte derweil alle Platten, die mir unterkamen. 7"s, 12"s, Testpressungen etc. – in London, Paris, Berlin, New York. Die B-Seite von „Million Headed Monster“ – „Listen“ – ist für mich bis heute einer der subtilsten Acid-Tracks, der je produziert wurde. Die beiden gründeten danach Fortran 5, ein nicht weiter wichtiges Dance-Projekt, obwohl es da schon ein paar wirklich okaye Mixe gab.

Und 1997 hatte ich die beiden nochmal am Telefon. Sie hatten wieder ein neues Projekt ins Leben gerufen: Komputer. Eine „Hommage“ an Kraftwerk – man könnte auch sagen, eine mehr oder weniger unreflektierte Aneignung der popmusikalischen Momente der Pioniere. Meine erste Frage war: „Was ist eigentlich mit „Radio Norway“? Stille am anderen Ende der Leitung. Dann: „Puh, ja, danke, aber nein – darüber sprechen wir nicht. Nur über Komputer.“ Mein Interview-Plan brach zusammen. Ich wollte eigentlich damals in meinem Text eine Liebesgeschichte erzählen – und hatte plötzlich keine Lust mehr.

Warum ich das hier alles aufschreibe? 1.) I Start Counting ist einer der meist unterschätzten Bands aller Zeiten. 2.) Am vergangenen Wochenende erschienen zwei limitierte Tapes mit Demos und unveröffentlichten Songs. Diese Kassetten ließen sich nur in London kaufen, sollen aber im September auf Bandcamp erscheinen. Ob „Radio Norway“ auch dabei ist? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

PS: Offenbar haben wir uns von Erasure noch Autogramme geholt. Heute lese ich hier heraus: Derek, Alex und Vince. Kann stimmen, muss aber nicht.

von Thaddeus Herrmann, Auszug mit freundlicher Genehmigung, Original bei Das Filter.

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