Wolfgang Billmann

Aus Rockinberlin
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Kurzbiographie

  • Semi-professioneller Schlagzeuger 1965-81 in Berlin-West
  • Dort 1947 geboren sowie lebend bis 1981
  • Danach in Kassel.


The Esquires, Schloss Charlottenburg, Winter 1966-67



The Esquires

Wolfgang Billmanns erste semi-professionelle Band waren 'The Esquires', [1], eine Berliner Beatband 1964-67, mit der er seine ersten Auftritte ab Ostern 1965 bestritt, und zwar im 'Gemuetlichen Paul' am Kottbusser Tor [2], genauer Reichenberger/Ecke Manteuffelstrasse, heute 'Cafe Efendi' [3]. Besondere Kontakte ergaben sich in der damaligen Beat-Zeit, Mitte der 1960er, auch zu anderen Bands. So traten 'The Esquires' mit jenen damals etwa an einem einzelnen Abend zusammen auf, zum Beispiel mit den

  • 'Hound Dogs' im 'Toeff Toeff', Berlin-Reinickendorf, Herbst 1966, [4], und den
  • 'The Restless Sect' im Jugendheim Sundgauer/Brettnacher Strasse, Januar 1966 [5]. In der archivierten Internetpraesenz [6] des ehemaligen und 2017 verstorbenen Restless-Sect-Saengers, Dr. Karl-Heinz Luesse [7], finden sich zur Biographie Wolfgang Billmanns und von The Esquires viele indirekte Hinweise, auf die hier allerdings nicht im Detail eingegangen wird.

Oder zum Beispiel waehrend Dezember 1966 spielten The Esquires in einem US-Army-Club in den Andrews Barracks, Berlin-Lichterfelde. Auf einem damaligen Bild sieht man den Esquires-Band-Bus ('VW-Bulli'), der vor dem Club-Gebaeude parkt [8] (1. Bild, Club-Eingang; Dank an Peter Gemmrig, b, The Esquires, 1967; 8. Juni 2018). Heute - an der Theklastrasse, in der Mitte zwischen den Einmuendungen Kornmesser- und Altdorfer Strasse - ist das die Suedseite des Bundesarchivs [9], gelegen in den ehemaligen Andrews Barracks. Hingegen das suedliche Andrews-Barracks-Areal reichte bis fast zur Goerzallee und hatte einen grossen Sportplatz [10]. Aber jetzt stehen dort Apartmentblocks.

Der US-amerikanische Sektor in West-Berlin

The Esquires und Wolfgang Billmann kamen hauptsaechlich aus Berlin Zehlendorf. In diesem Bezirk war das Erleben der damaligen US-amerikanischen Praesenz in West-Berlin allgegenwaertig. Als Kinder hatten einige Esquires-Mitglieder Schulen in der Gegend besucht und hatten US-KlassenkameradInnen und -Freunde.

Ein Bild der damaligen Zeit, nur vier Jahre nach The Esquires, aus dem Sommer 1971, vermittelt ein Video [11]. Es zeigt u. a. eine wichtige Zehlendorfer Kreuzung, naemlich Clayallee/Argentinische Allee/Saargemuender Strasse. Dichter Umsteigeverkehr herrscht an Bushaltestellen und U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim, wo manche Esquires-Mitglieder, bevor sie den Bandbus besassen (siehe oben, Fussnote 8), zu den Auftritten in der Innenstadt West-Berlins umstiegen. Auf dem Video passieren deutsche Autos und auffallend viele US-'Strassenkreuzer' die Ampelanlage. 1971 befanden sich schraeg gegenueber dem U-Bahnhof das US-Hauptquartier [12] und etwas weiter andere US-Einrichtungen wie das Shopping Center, Schule und Kino sowie langgestreckte mehrstoeckige Wohnbauzeilen, die an den nahen Grunewald heran reichten [13].

Die ehemalige 'Keitel-Villa' [14] [15], die heute zur Waldorfschule gehoert ('Backsteinvilla', Foehrenweg 21 [16]), lag nicht weit vom damaligen US-Army-Kino 'Outpost', heute 'Allierten-Museum' [17]. Das zugewachsene und nichteinsehbare Grundstueck der Keitel-Villa wirkte geheimnisvoll. Tarnfarbene Strassenkreuzer der US-Army fuhren ein und aus. Die Keitel-Villa war tatsaechlich eine 'CIA-Dependance' in der Besatzungszeit Berlins [18] [19].

Die 1968er

Ebenfalls an jener Kreuzung am U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim stiegen viele um in die bzw aus den Buslinien zur/von der nahen Freien Universitaet (FU) [20] [21]. Die FU stand aber seit den '1968ern' und Dutschke [22] [23] [24] eher politisch in Gegensatz zu den quasi benachbarten US-Instutitionen. Mit den beginnenden Auseinandersetzungen der '1968er' kamen The Esquires bereits Ende 1966 in Beruehrung. Die Band versuchte auch an der Freien Universitaet Berlin, Auftritte zu bekommen. Allerdings entgegnete ein Studentenvertreter, die Studenten haben andere Sorgen, naemlich politische Probleme: Ab 1967 brach der Konflikt der so genannten 68er Generation oder Bewegung dann offen aus, als waehrend der Demonstration gegen den Schah-Besuch in West-Berlin am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg [25] [26] erschossen wurde.

1971 dominierten die USA wieder in Rock- und Soul- bzw. Funk-Musik [27] [28] [29] nach der Beat-Aera der Mitt-1960er, von der The Esquires gepraegt waren, und hierbei spielte der US-Army-Sender AFN [30] die entscheidende Rolle.

Aktualitaet gewann der 2. Juni als Todestag Benno Ohnesorgs noch mal, als wohl US-Soldaten 1974 Ulrich Schmuecker [31] [32] in Zusammenhang mit der 'Bewegung 2. Juni' [33] [34] ermordet auffanden nahe der Krummen Lanke. Dieser zuweilen nicht ungefaehrliche, doch als Ausflugsziel beliebte See [35] liegt etwa zwei U-Bahnhoefe entfernt von Oskar-Helene-Heim, und der U-Bahnhof Krumme-Lanke ist Endstation jener U-Bahnlinie. Nach Wolfgang Billmanns Erinnerung jedoch fand man damals den Ermordeten nahe einer Waldwegkreuzung zwischen Koenigin-Luise-Strasse und Grunewaldsee, noerdlich der Kreuzung Oskar-Helene-Heim, nicht westlich wie die Krumme Lanke [36]. Allerdings hielt die US-Army spaetestens nach 1956 Manoever im Grunewald [37] [38] [39] nur zwischen Avus und Havel, nicht oestlich der Avus in Richtung Argentinische Allee/Clayallee ab, wo Krumme Lanke und auch Gunewaldsee lagen [40]. Sogar Gerichtsprozesse bis in die 1990er hinein klaerten die genauen Umstaende jenes Mordes nicht.

Inzwischen wurde die Gegend um die Kreuzung Oskar-Helene-Heim city-aehnlich. Anstatt der frueher flachen saeumen heute (November 2018) mehrstoeckige Geschaeftsbauten die Clayallee bis zur Koenigin-Luise-Strasse [41] [42]. Nur ab hier bis etwa zum Roseneck (Kreuzung: Hohenzollerndamm, Rheinbabenallee, ...) ist es noch wie damals: Der Grunewald und die stattlichen Dahlemer Villen reichen an die Clayallee heran.

September 1965: The Rolling Stones & 'Kleinholz in der Waldbuehne'

Vor ein paar Jahren (um 2015) 'geisterte durch den Medienwald' eines der immer wieder stattfindenden Jubilaeen der inzwischen 'aeltesten Rockband der Welt', The Rolling Stones [43], naemlich ihr Auftritt in der Berliner Waldbuehne [44] [45], und zwar genau am 15. September 1965 [46]. Dieser Stones-Auftritt endete mit 'Randale' in Gestalt von Kleinholz in der Waldbuehne sowie S-Bahn, in der sodann nach Hause fahrendes, unzufriedenes und sich abreagierendes Publikum die damals ueberwiegenden Innenverkleidungen und Sitze aus Holz kleinbrach.

Wolfgang Billmann hatte seither die Erinnerungen an dieses Stones-Konzert im Kopf, weniger jene Randale und mehr das Musikerlebnis. Doch die grosse Bedeutung jenes 1965er Stones-Konzertes und, selbst (mit dem damaligen Esquires-Lead-Gitarristen) dabei gewesen zu sein im Publikum, wurde Wolfgang Billmann erst jetzt richtig bewusst. Damalige, ihn seitdem beeinflussende Stones-Stuecke wie "I'm Moving On" [47] und "I'm Alright" [48] [49] fanden sich spaeter unter anderen 1965er Live-Recordings im Rolling-Stones-Album 'Got Live If You Want It' [50] [51]. Als jugendlicher angehender Beat-Schlagzeuger fing man zwar oft mit Ringo Starr (dem Beatles-Schlagzeuger) [52] an, doch interessanter war Charlie Watts (der Rolling-Stones-Schlagzeuger) [53]. So kam es, dass Wolfgang Billmann Charlie Watts zujubelte, alle Anderen jedoch den Rolling Stones insgesamt oder speziell ihrem Saenger, Mick Jagger [54].

Der Rolling-Stones-Auftritt, nach langem Warten mit Vorbands, war einfach zu kurz [55]. Hinzu kam, dass die hamburger The Rivets [56] als Vorband eine bessere Show als die Stones 'abgeliefert' hatten [57]. Die Rolling Stones verschwanden dann wieder schnell hinter die Buehne, spielten keine Zugabe mehr, die Waldbuehnen-Beleuchtung wurde abgeschaltet und eine lange Polizeikette zog demonstrativ vor der Buehne auf. Da begann man fast rundum in der Finsternis zu vernehmen, dass wohl empoertes Publikum unter lautem Knacken und Krachen aus den hoelzernen Waldbuehnen-Sitzen Kleinholz machte [58] [59]. Im Waldbuehnen-Sektor, in dem Wolfgang Billmann sass, ging es aber relativ friedlich zu. Das Publikum hier versuchte, so schnell wie moeglich der Waldbuehne zu entkommen und vom nahen S-Bahnhof [60] [61] aus nach Hause zu fahren.

In der S-Bahn dann rissen etliche, sicherlich aus dem empoerten Publikum stammende Fahrgaeste die hoelzernen Innenverkleidungen sowie Sitzbaenke ab und setzten in dieser Art das Kleinholzmachen fort. Der Zug wurde immer wieder durch provokatives Notbremsen angehalten. Bei der Notbremsung kurz vor dem Umsteige-S-Bahnhof Westkreuz [62] fluechtete Wolfgang Billmann mit Anderen aus der Bahn, entlang den nicht ungefaehrlichen, weil elektrifizierten Streckenabschnitt bis zum Bahnhof. Denn es hiess, dort warte Polizei, ohne Unterschied zu machen, die Zerstoerungsorgie noetigenfalls mit Gewalt zu stoppen. Wolfgang Billmann und die Anderen gelangten unbehelligt auf den Bahnsteig, stiegen dort schnellstmoeglich um in den Zug nach Hause (Berlin-Zehlendorf), in dem es im Vergleich zum vorherigen S-Bahnzug, der als 'Ringbahn' weiter in Richtung Schoeneberg und Neukoelln fuhr, ruhig zuging. Die Medien stellen jene Waldbuehnen- und S-Bahn-'Randale' meist etwas anders dar, als Wolfgang Billmann es selbst erlebte.

'Quintessenz' des Schlagzeugspiels bei The Esquires

Das Wesentliche am Schlagzeug bei The Esquires war, abgesehen von erster, aber recht intensiver Auftritts- und Praxisroutine als angehender Semiprofi-Schlagzeuger, dass Wolfgang Billmann eine Bruecke schlagen konnte zwischen einerseits Beat- oder fruehem Rock-Schlagzeug (ueber Ringo Starr und besonders Charlie Watts kommend, siehe oben) und andererseits Jazz-Schlagzeugspiel (etwa Joe Morellos [63], "Take Five" u. a., damals sehr aktuell).

D. h. schon ab 1964/65, mit "Shake" [64], Sam Cooke (voc), und dann voll ausgepraegt bei James Brown (voc), 1965-67 [65] [66], konnte Wolfgang Billmann die bereits intuitiv aus dem Modernjazz bekannte rhythmische Schwerpunktverlagerung, besonders synkopierte Bassdrumschlaege - Schlaege auf '...und' -, nun in Beat/fruehem Rock entwickeln und sodann im 'Heideschloss', Mai-Juni 1966, praktizieren. Waehrend dieser Heideschloss-Auftritte war es moeglich dank durchgehenden Esquires-Basses, aber auch Esquires-Rhythmusgitarre. Sonst waere dieser Entwicklungsschritt rhythmischer Schwerpunktverlagerung in den Beat/Rock-Bereich zu gross gewesen.

Immerhin war ein eigener rhythmischer Esquires-Stil entstanden. Der wurde sogar deutlich im Publikum bemerkt, besonders etwa bei Einlage einer anderen, sich um einen Auftritt bewerbenden Band: Deren Schlagzeuger spielte total gegensaetzlich zu Wolfgang Billmann, naemlich voll im Beat und teilweise gar wie 'Four on/to the floor' [67] [68]. Solch Schlagzeugstil hatte kurzzeitig auch Wolfgang Billmann gespielt (allerdings nur etwa im Januar 1966 [69], #3 Restless Sect), doch eher, um dann um so staerker und endgueltig zum rockig-jazzigen bzw jazzig-rockigen Schlagzeuspiel zurueckzukehren.

Nicht nur fuer die an The Esquires anschliessende Zeit (ab 1967/68), so bei der 'Quaimodo-Band' (1969, siehe unten), sondern quasi fuer sein ganzes Semiprofi-Leben hatte Wolfgang Billmann sich in seiner Esquires-Zeit (1964-67) die Basis gelegt als rockiger Jazz- oder jazziger Rock-Schlagzeuger; genauer (anhand jener unten genannten Songliste, siehe auch [70] ): die Einfluesse auf ihn beruhen seither auf etwa

  • der Haelfte Rock, Rock-and-Roll, usw
  • einem Fuenftel Soul, Hip Hop, Reggae, usw
  • einem weiteren Fuenftel Jazz (inklusive Boogie Woogie und Freejazz sowie besonders Modernjazz 1940-60 a la Elvin Jones [71] und Joe Morello [72], beide: epochemachende Modernjazzschlagzeuger)
  • einem 'Rest' aus 'Klassischer' und Neuer Musik als auch Volks- und politischen Liedern.

In den bis heute verbliebenen Esquires-MP3 [73] erklingt leider 'nur' damals eher praegendes, aber sonst bei The Esquires weniger gespieltes Beat-Schlagzeug.


The Esquires, Deutschlandhalle (Abriss 2011), Herbst 1965



Heutige bzw. 'Mhdb'-Aktivitaeten

Wolfgang Billmann lebt seit 1981 in Kassel und ist dort aktiv unter 'Mozart hat den blues' (Mhdb), [74]. Siehe auch [75]

Songliste 1787-2020

Noch heute beeinflussende Songs aus der damaligen Beat- und auch Soul-Zeit, etwa 1964-67, zeigt die bei 'Mhdb' aktuell gehaltene Liste 'Mehr als 300 Stuecke: 1787-2020' [76]. Die Eingabe eines dort aufgefuehrten Songs samt Interpreten/Musikgruppe, etwa bei Google, laesst schnell das originale Songvideo, z. B. bei YouTube, auffinden. Aufgelistet sind Songs der Beatles [77], Rolling Stones [78], Kinks [79], Pretty Things [80], von Marvin Gaye [81], Sam & Dave [82], u. a., allerdings auch das Davor und Danach. D. h. die Songliste veranschaulicht, wie vielleicht die Beat- & Soul-Zeit sich entwickelte und ebenso, was daraus bis heute wurde, wie sich jene Musikepoche differenzierte, zum Beispiel zu besonders 'Mhdb' (siehe oben) beeinflussenden Metal-, HipHop- oder Jazz-basierten Songs.

Inzwischen enorme stilistische Einflussbreite auf Bands

Inzwischen ist die Stilbreite der Einfluesse auf Bands riesig. Entweder konzentriert sich eine Band auf nur einen Stil und seine oft schon recht unterschiedlichen Spielweisen, z. B. Blues-Rock. Oder jene stilistische Einfluss-Breite reicht beispielsweise heutzutage bei Mhdb vom 1958er Modernjazzklassiker von Thelonious Monk (p), "Rhythm-a-ning" [83], ueber einen HipHop-Song, Young Sizzle (voc), "Grandma", 2016 [84], bis hin zum Rock-Hit 2017 von Mastodon, "Show Yourself" [85]. Und infolge Globalisierung und Internets beeinflussen wie selbstverstaendlich etwa in Verbindung mit Timbuktu/Mali stehende Songs, so von Khaira Arby (voc, perc) [86], "AFH345", 2014 [87].

Volkslied-Wiederentdeckung infolge Beatles-Einflusses

Doch besonders seit dem Mitt-60er-Einfluss der Beatles sowie deren Rueckungen, modaler Leitern bzw. Kirchentonarten, z. B. in "Norwegian Wood", 1965 [88], lebte das Interesse an eigenen Musiktraditionen wie Volkslied oder Arie wieder auf und fuehrte auch zur Entdeckung der rhythmischen Vielfalt deutscher Lieder. Hierzu finden sich interessante Hinweise in:

  • Peter Wicke, Kai-Erik und Wieland Ziegenruecker, Handbuch der populaeren Musik, ueberarbeitete und erweiterte Neuausgabe, 4. Auflage, 6.-8. Tausend Maerz 2001, Seite 330, 454.

In etwa folgendem Buechlein laesst sich ersehen, dass ueber oft als dominierend propagierte 4/4-Spielarten hinaus etliche 3/4- und 6/8-Volksliedvarianten bestehen:

  • Thilo Cornelissen (Herausgeber), Der Kreis, Deutsche Volkslieder, Gesaenge und Kanons, mit vollstaendigen Texten, neue, erweiterte Ausgabe, 1966.

Das Volkslied "In Einem Kuehlen Grunde" [89], doch andererseits genauso der Charles-Mingus-Jazzhit "Pork Pie Hat" [90] zaehlen beispielsweise zu den Inspirationsquellen des Mhdb-Standards "SchlaegePop" [91]

Bayrischer Zwiefacher, tuerkisch-bulgarische Folklore und 5/4. "Take Five" & "Living In The Past". Die "KarlMarxShuffle"

Volkstuemliche Weisen wie der 'Bayrischer Zwiefache' [92], aus 2/4 und 3/4 zusammengesetzt, manchmal aehnlich 5/4, sowie tuerkisch-bulgarische Folklore foerderten ungerade Taktarten, besonders den 5/4-Takt. Zu Bayrischem Zwiefachen und Taktwechsel steht ebenfalls recht Wichtiges in (u. a.) genanntem

  • Peter Wicke, Kai-Erik und Wieland Ziegenruecker, Handbuch der populaeren Musik, 2001, auf den Seiten 534-535.

5/4-Pionierarbeit hatten schon das Jazzstueck "Take Five" [93] von Dave Brubeck (p), Joe Morello (d), 1959, und vor allem das damals oft ueber AFN Berlin gesendete Rockstueck "Living In The Past" [94] von Jethro Tull, 1970, geleistet. Heutzutage sind 5/4- und andere ungerade Taktart quasi selbstverstaendlich bei vielen Rockbands, z. B. mit in Thrice, "Whistleblower", 2016 [95]. Speziell im 5/4-Takt erklingen auch viele Mhdb-Songs, hier die

  • "KarlMarxShuffle" [96]

Das Mhdb-Repertoire & J. S. Bach

Insgesamt inspirierten die genannten verschiedenartigen Songquellen und Rhythmen unzaehlige Musikgruppen zu vielschichtigen Songs, so etwa Mhdb zwischen ungefaehr 1990-2010, naemlich zu 43 ausgefallenen Eigenkompositionen [97] wie eben der "KarlMarxShuffle". Das heutige Mhdb-Trio interpretiert jenes Repertoire als 'Mhdb-Standards' auf den Mhdb-Sessions [98] und entwickelt es als Crossover aus Avantgardejazz-Absurdrock weiter:

... Wenn J. S. Bach (1685-1750) eine musikalische Inspiration hatte, setzte er sich sogleich hin und komponierte etwas Neues, waehrend Mhdb nach wie vor eine Neuentdeckung in einen der bestehenden 43 Mhdb-Songs einbaut. ... [99]


Erinnerung: Quasimodo, August 1969, fruehe Jazzrock-Band

'Quasimodo-Band', August 1969



Jazzrock/Rockjazz in Berlin-West der 1960er

Zitat aus Jazzzeitung

27.03.2016, 12:08 Uhr [103]: Leserbrief. Zur Grant Green-Retrospektive, Ausgabe 3/03, Seite 16

Von der meines Erachtens wichtigsten Aufnahme Grant Greens finde ich in dem Artikel kein Wort, naemlich von "The Selma March" [104]. Dieses Stueck ist so wichtig, dass sogar der Sohn Grant Greens damit Reklame macht. Ein paar Anmerkungen dazu. Jenes Stueck entstand in der ersten Haelfte der 60er und war in der zweiten 60er Haelfte ein wichtiger Katalysator zur Entwicklung des Jazzrocks/Rockjazz. Die offiziellen Meinungen moegen zwar Miles Davis, 'Bitches Brew' [105], 1968-69, oder 'Blood, Sweat & Tears', "Spinning Wheel" [106], 1968, als epochemachend fuer die Entstehung des Jazzrocks/Rockjazz’ ansehen. Meines Erachtens war vor allem James Brown (voc) [107] fuer die Jazzrock/Rockjazz-Entstehung entscheidend. Aber betreibt man keinen Personenkult, meine ich, dass auch vor allem Cannonball Adderley (as) [108], ebenso Jimmy Smith (org) [109] und Ramsey Lewis (p) [110], und zwar in allen Varianten, schon waehrend des Beatles-Hoehepunktes, etwa 1963-66, die Entstehung von jazzigen Spielweisen bei der Masse damaliger junger Musiker, naemlich Beat- und Rockmusiker, foerderten, zum Beispiel bei meinem Bruder (key) und mir (d). Katalysatoren waren aber nicht nur bestimmte Jazzmusiker, die im damaligen Beat- und Rockbereich auch viel gehoert und nachgeahmt wurden, sondern genauso bestimmte Jazzstuecke, und zwar allen voran "Mercy, Mercy, Mercy" [111], dann "Watermelon Man" [112], "Jive Samba" [113], "Sidewinder" [114] und eben: "The Selma March". Im deutschen und besonders Berliner Bereich in den 60ern dominierten wie in den 50ern und trotz des 60er Vietnamkrieges die USA [115] kulturell und besonders jazz-maessig [116] [117], nur unterbrochen durch die Beatles- und Beat-Welle etwa 1963-66 ('British Invasion' [118] [119] [120] [121]). Konkret spielten viele Musiker der damals noch zahlreichen US-Truppen in Deutschland mit deutschen Amateur- und Profi-Musikern zusammen in Bands [122] [123] [124]. So spielten auch mein Bruder und ich 1969 im West-Berliner 'Quasimodo' mit einem farbigen US-Gitarristen zusammen, einem gewissen Sammy, der sogar ehemaliger Schulkamerad von Jimi Hendrix war! Wir spielten genau die vorgenannten Stuecke, sie waren Kern unseres Programms und Stiles, und vor allem "The Selma March", weil es als quasi das Meisterstueck galt. Das 'Quasimodo' war damals, und das war bezeichnend fuer die ganze damalige Situation, einerseits eine der damals fuehrenden 'APO-Kneipen' (68er und Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, Rudi Dutschke [125], etc.). Aber andererseits, bedingt durch viel militaerisches und ziviles Personal der damals noch in Deutschland zahlreich vertretenen US-Armee, spielten auch und gerade etliche deutsch-amerikanische Bands mehr oder minder unbewusst an solchen an der Oberflaeche zu den USA in Widerspruch stehenden Orten. Die Entwicklung, die hierdurch ausgeloest wurde, war grundlegend, nicht nur fuer Deutschland.

Gruss, Wolfgang Billmann (via E-Mail)

Zu Grant Greens "The Selma March", APO-Kneipen sowie fruehem Bluesrock-, Jazzrock- und Jazzauftrittsstaetten

Zu Grant Green (g, 1935-79) ist anzumerken, er komponierte "The Selma March"; sein Sohn, Grant Green Jr. (1955-), ebenfalls Jazzgitarrist, spielte "The Selma March" neu ein [126]. Und APO war die Abkuerzung fuer Ausserparlamentarische Opposition [127] [128]. Manche West-Berliner Jazz-Auftrittsstaette der End-1960er bis Anfangs-1970er, in der oft schon Bluesrock-Vorformen bzw. frueher Blues- und Jazzrock gespielt wurden, galt zugleich als 'APO-Kneipe', z. B.:

  • Quasimodo 1969: Eine der damals fuehrenden APO-Kneipen. Damals Jazzrock/Rockjazz, Modernjazz. 'Quasimodo' heute: [129]
  • Kilroy: 'APO-Urkneipe' [130], Wittenbergplatz, schloss bereits Ende der 1960er. Bluesrock-Vorformen [131], u. a.
  • Leierkasten: Zossener Strasse. Traditioneller Jazz, Jazzrock, Bluesrock-Vorformen
  • Gartenlaube: Gneisenau-/Ecke Nostitzstrasse, heute: 'Zwanglos III' [132]. Damals: Modernjazz, etwa mit einem 'ohne Luft zu holen' spielendem Trompeter oder Billy Brooks am Schlagzeug, [133]; Freejazz
  • Quartier Latin: Potsdamer Strasse, Schoeneberg, [134]. Allerdings erst ab etwa 1970 eroeffnet. Damals: Jazzrock/Rockjazz, etwa Berliner Rock Ensemble mit Klaus Lage/Gesang, Ralph Billmann/Keyboard, u. a. [135]

Weitere Jazzauftrittsstaetten

Weitere Jazz-Auftrittsstaetten waren (u. a.):

  • Jazz-Galerie: Bundesallee, heute: Rickenbackers, [136]. Damals: Modernjazz, Leo Wright [137], u. a; Traditioneller Jazz, etwa 'Papa Ko' [138]
  • Dug's Night Club: Berlin 62 (Schoeneberg-Sued), Hauptstr. 15. Modernjazz [139], Leo Wright. Damals derselbe Inhaber wie beim 'International', [140], der dieses etwa im Herbst 1968 zur Disco machte
  • Eierschale: Breitenbachplatz, Traditioneller Jazz. [141]
  • Badewanne: Nuernberger Strasse, Traditioneller Jazz. [142]


Lokomotive Kreuzberg, deutsche Politrock-Band, Berlin-West, ca. 1971-77, und End-1970er/Anfang-1980er

Zitat aus Last.fm

27.03.2016, 12:22 Uhr [143]: Biografie

Lokomotive Kreuzberg war eine deutsche Politrock-Band. Sie wurde Anfang 1972 in Berlin gegruendet, bereits zur Jahreswende 1972/1973 war die Band professionell taetig. Bis zu ihrer Aufloesung spielte die eng mit den Gewerkschaften verbundene Gruppe in wechselnden Besetzungen und tourte intensiv durch Deutschland, musste aber Ende 1977 aus finanziellen Gruenden aufgeben. ...

... Wolfgang Billmann:

Franz Powalla (Bass) und ein gewisser Uwe Holz (Drums, aus Bielefeld) verliessen 1971 nach Meinungsverschiedenheiten eine Band (Jazzrock) meines Bruders (key) in einem Uebungsraum im Keller eines dann 1971 abgerissenen hinteren Polizeigebaeudefluegels. Dieses langgestreckte Gebaeude ging rechtwinklig weg von der Urbanstrasse (Berlin-Kreuzberg/Neukoelln), gegenueber dem Urbankrankenhaus, unweit Ecke Kortestrasse, auf einem Gelaende mit Sportplatz. Der Franz und Uwe wechselten einfach paar Keller weiter in den Raum des Andy Bauer (oder Brauer), der bis dahin alleine dort probte (Gesang, Keyboard, elektronisch verstaerkte Geige, damals ein Novum!) und eigentlich gelernter Opernsaenger war. Damit war die Ur- Lokomotive Kreuzberg geboren.

Uebungsraumkomplex Wrangel-/Ecke Skalitzer Strasse

Nach den Uebungsraeumen im Keller eines abgerissenen hinteren Polizeigebaeudefluegels an der Urbanstrasse war Wolfgang Billmann bis etwa 1974 Hauptmieter zweier unmittelbar verbundener Uebungsraeume im zweiten Stock eines Uebungsraumkomplexes Wrangel-/Ecke Skalitzer Strasse (nahe U-Bahnhof Schlesisches Tor). Dieser Baukomplex wohl ehemaliger preussischer Backstein-Kasernen [144] umgab einen Sportplatz, stand damals leer, und einzelne Raeume wurden an Bands vermietet (u. a. auch an 'Karthago' [145]). Einen Raum des Uebungsraum-Doppels hatten Wolfgang Billmann und sein Bruder (Ralph Billmann, key) mit Session-Bands belegt [146], den anderen Raum die 'Lokomotive Kreuzberg'. Jener Komplex wurde insgesamt etwa 1975 abgerissen und eine dort bis heute bestehende Berufs- oder Fachschule entstand [147].

Politrock & deutsche Sprechtexte

Deutscher Politrock, deutsche Volkslieder (siehe oben) oder der Macher zum Teil grotesker deutscher Lieder, Ulrich Roski [148], z. B. sein lebensbejahendens "Man darf das alles nicht so verbissen sehen" [149] - zugleich Mhdb-'Lieblingszitat' [150] -, als auch Nach-68er-Hinterfragungen [151] fuehrten mit dazu, dass Wolfgang Billmann etwa ab der Zeit im Uebungsraum Wrangel-/Ecke Skalitzer Strasse mit deutschen Sprechtexten zu Schlagzeug-Grooves in Rock- und Jazz-Sessions zu experimentieren begann. Diese Experimente entwickelten sich weiter zu den spaeter absurden deutschen Texten der experimentellen Songs bei 'Mozart hat den blues' (Mhdb, siehe ebenfalls oben) [152]

Die End-1970er/Anfang-1980er: Punk, Neobop und Reggae

Der Erinnerung nach lief die ganze Sylvesternacht 1976-77 in den West-Berliner Radiosendern nur Punk [153] [154], d a s damals Neue. Mit einem Schlag waren die Dominanz klassischen Rocks [155] [156] [157] [158] [159] (etc) und ebenfalls des Rockjazz', der sich inzwischen aus Jazzrock entwickelt hatte, verschwunden. Mit dem Punkrock fand zugleich ein Revival des Modernjazzes [160] statt, bloss wurde dieser nun elektronisch verstaerkt, so bei V.S.0.P. The Quintet, Tony Williams (d), "Birdlike" , 1977 [161]. D. h. der flirrend-leichte, sehr dynamische 1940er-50er/Anfang-60er Jazz wie der (u. a.) von Thelonious Monk (p) [162], Charlie Parker (as) [163] und John Coltrane (ts) [164] erklang nun ueber Verstaerkeranlagen. Die End-1970er und 1980er hindurch fasste man den 1970er Rockjazz, den vor allem Billy Cobham (d) [165] verkoerperte, sowie jenen Modernrevivaljazz, auch dann als Real-Book-Jazz bekannt [166] [167], als New Bop oder Neobop zusammen. Der beeinflusste Wolfgang Billmann nachhaltig, ebenfalls der Reggae [168] [169] [170] [171], dem Punk und/oder Neobop nichts anhaben konnten und der schon die ganzen 1970er mit dominierte.

Die End-1970er/Anfang-1980er: Rap, Jethro Tull. Und danach: 'nur' die Club-Szene

Den Durchbruch des Rap' ab 1983, der die 'fetten' Schlagzeug-Grooves des Soul' wiederbelebte und dessen knackige Sprechtexte dazu wie angegossen passten, erlebte Wolfgang Billmann dann bereits in Kassel. Andererseits uebten Jethro Tull [172], die bis heute in/um Kassel hoch im Kurs stehen, im Lauf der West-Berliner 1970er stetig umfassender musikalischen Einfluss auf Wolfgang Billmann aus, z. B.:

  • 'Songs From The Wood' [173], Album, 1976-77

Und wer sich heute an Berlin ab den 1980ern erinnert, meint hauptsaechlich die Club-Szene, in der DJs dominierten und weniger Bands oder 'handgemachte' Live-Musik sowie der Mentalitaet Wolfgang Billmanns Entsprechendes. Besonders seit der Techno-Welle und 'Wende' um/ab 1990 standen diese Clubs und DJs, auch und gerade international - siehe nicht nur 'Loveparade' [174] -, im Fokus.


Abkuerzungen. Fortsetzung, Details

  • (voc) - Vocals, Gesang, Stimme
  • (as) - Altsaxophon
  • (ts) - Tenorsaxophon
  • (org) - Orgel
  • (p) - Piano, Klavier
  • (key) - Keyboard, Tasteninstrument
  • (g) - Gitarre
  • (b) - Bass
  • (perc) - Percussion
  • (d) - Drums, Schlagzeug


  • Fortsetzung : 'Mhdb-Fotos & -Bio' [175] und im
  • 'RegioWiki der HNA' [176], der freien Enzyklopaedie fuer Nordhessen, Suedniedersachsen und dem benachbarten Nordthueringen


  • Details : 'Mozart hatte den Blues, Die Theorie, Geschichte & Vorgeschichte von Mhdb ...' [177], Passwort erforderlich